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Leseprobe Nachbarn Ausgabe 15

Eva-Maria Reuther: „Edvard Steichen habe ich viel zu danken“

Galerie Clairefontaine © Elliot Erwitt

Meisterfotograf Elliott Erwitt war in Luxemburg zu Gast
Edvard Steichen hat ihn sozusagen entdeckt. Heute ist Elliott Erwitt einer der bedeutendsten Fotografen dieser Zeit. Unlängst war er im Geburtsland seines Förderers zu Gast.

Die Geschichte ist oft genug erzählt. Als vor Jahren jemand ein rund 20 000 Wörter dickes Buch über ihn schreiben wollte, soll ein Mitarbeiter entsetzt ausgerufen haben: „Mein Gott, der hat doch in seinem ganzen Leben noch keine 20 000 Wörter gesprochen.“

Viel spricht Elliott Erwitt wirklich nicht. Dafür lächelt der Mann, der schon zu Lebzeiten eine Legende ist, umso ausdauernder. In seinen Augen ist ein sanftes Leuchten, das wohlige Wärme verströmt und selbst gestandene Männer in Versuchung geführt haben soll, ihn in den Arm zu nehmen und zu knuddeln. (Was natürlich nicht angeht.) Auf jeden Fall ist der kleine Mann einer, den man sofort ins Herz schließt, auch wenn man nicht gleich weiß, warum. Das wird einem erst später klar, wenn man schon längst zu Hause ist, und noch einmal über sein einnehmendes Wesen nachdenkt und seine Bilder im Geist Revue passieren lässt. Da geht es einem übrigens ähnlich wie Erwitt mit seinen Fotos. Die macht er oft ohne erklärten Zweck oder besonderen Grund. „Ich habe immer meine Kamera dabei, wenn ich ausgehe, einfach so. Wenn mich etwas reizt, mache ich ein Foto“. Erst nachher, im Labor, wenn er die Kontakte durchsieht, wird ihm häufig klar, was an einem Motiv so denkwürdig ist. Zum Signieren seiner Bücher ist der Fotograf, der als einer der wichtigsten dieser Zeit gilt, nach Luxemburg in die Galerie Clairefontaine gekommen.

Erst nachmittags ist er aus New York eingeflogen. Leer und klein kam ihm die verregnete großherzogliche Hauptstadt auf der Fahrt vom Flugplatz vor. Da geht es ihm nicht anders als den meisten Amerikanern, die aus dem Gemenge des Tag und Nacht aktiven Biotops am Hudson ins gute alte Europa kommen. In seinem grauen Kaschmir Pullover und offenem Hemdkragen sieht Erwitt aus, wie wohlhabende New Yorker Intellektuelle und Künstler mit Wohnung am Central Park nun mal aussehen. Ob ich ihm ein paar Fragen stellen darf?

„Alles was Sie wollen“, lächelt der Porträtist großer und kleiner Sterne, von Hunden, Politikern, Militärs und Models und vor allem des ganz alltäglichen Wahnsinns. Und diesmal ist ein wenig Ferne in seinem Lächeln. Die Liebenswürdigkeit ist es zuerst, die den einstigen Präsidenten der berühmten Fotoagentur Magnum zu einem so angenehmen Gegenüber macht. Dabei lächelt er durchaus nicht immer. Ganz schnell weicht sein Strahlen jenem besorgten Blick im eher kummervollen Gesicht, der ihn so manchem Vierbeiner ähnlich macht, den er abgelichtet hat. Geduldig beantwortet Erwitt meine Fragen.

Genau genommen sagt er meist nur ja und nein und wenn er in ganzen Sätzen spricht, dann sind sie kurz. Allerdings formuliert er mit einer Entschiedenheit, die vermuten lässt, dass er schon ein ganzes Leben über die Antworten  nachgedacht und die Argumente sorgfältig geprüft hat.....

Eva-Maria Reuther