Leseprobe Erinnerung Ausgabe 15
Burkhard Jellonnek: So ein Thema vergiftet!

- © Burkhard Kieselbach
Den Ritterschlag hat sie bereits: Wenn Elisabeth Thalhofer, Historikerin aus Saarbrücken, in diesen Tagen im Paderborner Schöningh-Verlag ihre Dissertation Entgrenzung der Gewalt über die erweiterten Polizeigefängnisse als neue Lagerformation des nationalsozialistischen Terror-Systems vorlegt, dann haben ihre auf Tagungen vorgestellten Forschungsergebnisse mehr als nur das übliche beifällige Klopfen auf den Seminartischen bei den Fachkollegen hervorgerufen.
Der „Papst“ der Konzentrationslagerforschung, der Berliner Professor Wolfgang Benz, hat in seiner aktuell erscheinenden neunbändigen Enzyklopädie Orte des Terrors im letzten Band die Forschungsergebnisse der Doktorandin aus dem Saarland bereits aufgenommen und als neu entdeckten Lagertypus der NS-Schreckensherrschaft gewürdigt. Für die Schülerin des Saarbrücker Geschichtsordinarius Prof. Rainer Hudemann ist das natürlich ein Riesenerfolg, auch für ihren umtriebigen Doktorvater Beleg, vor einem guten Jahrzehnt den richtigen Riecher gehabt zu haben: Er betraute die damals blutjunge Studentinder Geschichte und Germanistik als frischgebackene Hilfskraft mit seinem Forschungsprojekt. Es ging um die Aufarbeitung des in Colmar lagernden Aktenbestandes des Rastatter Prozesses gegen die Aufseher des Saarbrücker Lagers Neue Bremm. „Das darf man eigentlich gar nicht erzählen,“ verrät Elisabeth Thalhofer heute schmunzelnd, „als mir Professor Hudemann damals von dem Lager berichtete,habe ich mich kurz entschlossen ins Auto gesetzt – und die Neue Bremm nicht gefunden.“ Nur die von den Franzosen errichtete große Stele zur Erinnerung an die Leiden der Männer und Frauen in den Jahren 1943-1944 habe sie im ersten Anlauf entdeckt. So wie ihr ging es damals vielen: die von den Franzosen 1947 eingerichtete Gedenkstätte war in der Öffentlichkeit vergessen, nicht ausgeschildert. Vor Ort informierten lange Jahre nur drei karge plakatgroße Hinweisschilder über den Schreckensort, den die einen für ein Konzentrationslager, die anderen, der nationalsozialistischen Tarnsprache noch immer auf den Leim gehend, für eine Außenstelle des Justizgefängnis auf der Lerchesflurhielten. Akribisch vergrub sich Elisabeth Thalhoferin den Aktenmassen der eigentlich bis 2054 gesperrten Kriegsverbrecherakten im Colmarer Archiv, die ihr Doktorvater nur mit einer Sondergenehmigung des französischen Außenministeriums für sich und seine Mitarbeiterin eingeräumt bekam. „Gruselig“, erinnert sich die junge Forscherin,„mehrmals hatte ich das Gefühl, mit der Arbeit aufhören zu müssen, denn abends im Hotel bin ich die Schilderungen des Schreckens und ihre in meinem Kopf entstehenden Bilder nicht mehr losgeworden!“Da half dann nur noch das französische Unterhaltungsfernsehen zum „Bedudeln“, erzählt Elisabeth Thalhofer, tief durchatmend. Erst im Laufe der Zeit hätte sie gelernt, sich zu professionalisieren, die Ereignisse nicht mehr so an sich heran zu lassen. „So ein Thema vergiftet!“ ......




