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Schwerpunkt Ausgabe 14

Hans Bünte: Todesplatz, toter Platz

Eigentlich ein schöner Platz mit seinen vielen Relikten des barocken Saarbrücken ringsum. Rechts vom Schloss das Historische Museum, links die Volkshochschule, Caféhaustische auf dem Straßenpflaster, an der Ecke ein gut besuchtes Speiselokal,bergab die zum Museum umgestaltete Schlosskirche. Zwischen Altem Rathaus und Erbprinzenpalais verengt sich die Straße so sehr, dass der Verkehr von West und von Ost sie nur abwechselnd passieren kann; eine Ampel zwingt zum Inne halten.

Es gäbe viel zu betrachten und manches zu erinnern. Vor allem aus jener Zeit, als ebenfalls abwechselnd von West und von Ost Menschen kamen, die Stadt beschossen, ausplünderten, Feuer legten und weiter zogen. Europäische Geschichte im Taschenformat, wie so oft an der Saar. Doch jeder blickt bei Rot vor sich hin, bei Grün gibt man Gas. Was den Saarbrücker Schlossplatz belebt, sind Autos, keine Menschen.

Warum flaniert hier niemand?

Hier wurde Anfang November 1793 unter französischer Besetzung ein schwachsinniger Krüppel verhaftet, weil man ihn für einen preußischen Spion hielt. Bei seiner Vernehmung offenbarte sich die Unzurechnungsfähigkeit des Menschen insolchem Grade, dass man seine Bewachung lockerte und zuließ, dass er auf dem Schlossplatz umherging und um Essen bettelte. Nach dem Gefecht von Kaiserslautern am 29. und 30. November, das mit einem Sieg des Herzogs von Braunschweig und 7000 Toten auf französischer Seite endete, verschärfte sich die Stimmung. Man griff den armen Kerl erneut auf und erschoss ihn hierauf diesem Platz. Dann die Sache mit Lohmüller und Huppert. Unter dem Eindruck der revolutionären Vorgänge jenseits der Grenze hatten sich schon frühzeitig Sympathisantenals so genannte „Patrioten“ zusammen geschlossen, die gleiche Rechte wie ihre französischen Nachbarn forderten, in einzelnen Fällen auch den Anschluss ihrer Gemeinde an die französische Republik. Im Zuge dieser lokalen Querelen sollen Jacob Lohmüller, Meier von Güdingen, Nickel Huppert, sein Kollege aus Bübingen, sowie ein gewisser Valentin Müller den Preußen bei ihrer Ankunft im Spätsommer 1793 eine Liste der 22 Bübinger „Patrioten“ausgehändigt haben und empfohlen, diese bei Kontributionen und Frondiensten besonders scharf heran zu nehmen.

Müller hatte sich darüber hinaus geweigert, eine Petition zur Vereinigung mit der französischen Republik zu unterzeichnen. Als die Preußen sich zurückzogen und die Franzosen wieder die Herrschaft übernahmen,floh Müller rechtzeitig. Lohmüller und Huppert aber wurden arretiert. Das folgende Verhör durch eine militärischeKommission, aus acht Franzosen bestehend,war, wenn man dem sehr parteiischenBericht des Chronisten Albert Ruppersberg folgen will, nicht mehr als eine Farce: Der Ankläger habe französisch gesprochen,das die Angeklagten nicht verstanden; ihre deutsche Verteidigung wiederum sei dem Gericht unverständlich gewesen. Sie seien „in ihrer Verteidigung angehört worden“, erklärte dagegen eine Veröffentlichung der revolutionären Mosel-Armee. Jedenfalls wurden die beiden zum Tode verurteilt. Am nächsten Morgen, am „20ten Frimair, im 2ten Jahr der ein- und untheilbaren Franken-Republik“, am 10. Dezember 1793also, traf eine guillotine ambulante aus Metz ein, und die Angeklagten, die angeblich noch gar nichts von ihrem Todesurteilw ussten, wurden gegen 11 Uhr vormittags in Gegenwart einer großen Menschenmenge auf dem Schlossplatz geköpft. Dieser Vorfall, der in ganz Deutschland viel Aufsehen erregte, fand seinen Nachhall in der Saarbrücker Legende: Die Stelle, wo die Guillotine stand, nämlich ungefähr in der Mitte vor dem alten Bergamt und dem Alten Rathaus, war durch ein weißes Kreuz aus Pflastersteinen gekennzeichnet worden. Just an dieser Stelle aber, so ging die Sage,blieb der Schnee nie liegen und das Kreuzstets sichtbar. Erst in jüngster Zeit wurde die Legende bestätigt, nur anders als vermutet:

An dieser Stelle mündete ein verdeckter  Brunnen der alten Burg an der Oberfläche. Und da war es eben immer etwas wärmer. Es liegt noch mehr verdeckt auf diesem Platz. 1990 grub der Aktionskünstler Jochen Gerz hier nachts gemeinsam mit acht Studenten Pflastersteine aus, gravierte auf die Steine die Namen von jüdischen Friedhöfen und setzte sie mit der Schrift nach unten wieder ein. 2146 Namen bilden das Unsichtbare Mahnmal.

Hans Bünte

 

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