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Saarland Online
 

Leseprobe Kultur Ausgabe 14

Opus Filmtipp: "Ansprüche, Glücksversprechen und Orientierungslosigkeit"

Filmstill aus „Alle Anderen“

Ein Interview mit der Regisseurin Maren Adezu ihrem Film „Alle Anderen“,der auf der Berlinale den Großen Preis der Jury und einen Silbernen Bären für die beste Darstellerin gewann. Ein sehr gegensätzliches Paar, Anfang 30, macht in Sardinien Urlaub - im Haus seiner Eltern. Gitti und Chris, gespielt von Birgit Minichmayr und Lars Eidinger,sind eine ungewöhnliche Konstellation. Sie ist direkt und bestimmend, er eherzögerlich, empfindsam, ziellos und melancholisch. Als sie dort auf ein befreundetes Paar treffen, gerät die sowieso schonbrüchige Beziehung ins Wanken. Es ist der zweite Spielfilm der erst 32-jährigen, aus Karlsruhe stammenden Maren Ade, den sie mit ihrer Freundin und der gemeinsamen Firma „Komplizen Film“ auch selbstproduziert hat.

 

Als Hans Weingartner seinen Film „Diefetten Jahre sind vorbei“ im Jahr 2004 inCannes präsentierte, war er so nervös, dasser ständig dachte, dass der Film zu laut,zu leise oder zu dunkel ist. Wie war das bei Ihnen?

 

Es ist genauso, wie er das sagt. Es ist so angstbesetzt, wenn man seinen Film zeigendarf. Ich saß im Kino und habe zu meinem Freund die ganze Zeit gesagt: Ist es zu laut, oder ist es zu leise? Man kann halt nicht mehr eingreifen, und der Tonregler wäre die letzte Kontrolle, das letzte Mittel einzugreifen. Deshalb hatte ich auch schon Vorführungen, wo ich die ganze Zeit am Tonregler stand und den ein bisschen hin- und herdrehte.

 

Wie haben Sie an dieser Mischung ausKomödie aus Tragödie gearbeitet?

 

Bei dem Film ist es ja dramaturgisch so,dass sich die beiden Hauptfiguren immer mehr reinreiten, verlieren und verstellen und der Film düsterer wird. Daher war es wichtig, dass der Film anfangs eine Leichtigkeit hat, damit es für die Beiden auch etwas zu verlieren gibt. Trotzdem mag ich es ganz gerne, dass es Momente gibt, in denen Humor da ist. Das sollte sich durch den ganzen Film ziehen.

 

Ist es nicht sogar statistisch erwiesen, dass die meisten Beziehungen im oder nach dem Urlaub zerbrechen?

 

Ich wusste das gar nicht, und ich wollte auch nichts über ihr Umfeld erzählen, sondern empfand diesen Urlaub als eine ganz gute Situation. Da gibt es Abgeschiedenheit, Zweisamkeit, hohe Ansprüche,und eine Insel ist immer ein Glücksversprechen. Es ist gut, wenn da dann die Außenwelt, in Form eines anderen Paares,einbricht.

 

Ist Ihr Film eine Art von Bestandsaufnahme der heutigen Rat- und Ziellosigkeit?

 

Es war nicht der Ausgangspunkt einGenerationsportrait zu machen, aber bestimmte Themen haben mich schon interessiert: Es geht um die Ansprüche, die jemand an sich und an andere hat. Man hatso viele Möglichkeiten und ist trotzdem so orientierungslos. Chris ist mit Anfang 30 noch jung und dennoch gibt es einen Moment der ersten Abrechnung, die für ihn hart ausfällt. So muss er sich von manchen Idealen trennen.

 

Empfinden Sie die erste öffentliche Vorführung Ihres Films als eine Art von Verlust?

 

Es war ein komisches Gefühl – einbisschen so, als wenn man aus seinem eigenen Flugzeug abgeworfen wird, das dann alleine weiterfliegen muss. Dann landet man in der Wüste und muss sich was Neues zusammenbasteln. Ich bin froh, dass das Ding jetzt raus ist.

 

Siegfried Tesche