Schwerpunkt Ausgabe 13
Christoph Gaiser: Tanz und Leid

Zugegeben: Man erwartet etwas Melodramatisches,ja Boulevardeskes, wenn manTänzer nach ihrer persönlichen Schmerzbiografiebefragt. Man erwartet Erinnerungenan durchweinte Nächte, ausgelöstdurch streng frisierte Russinnen, die an derStange mit einem Stöckchen auf nicht ganzdurchgestreckte Körperteile schlagen unddurch Geschrei und Einschüchterung denWillen eines jungen Menschen zu brechenversuchen. Man erwartet Erzählungen vonausverkauften „Nussknacker“-Familienvorstellungen,die nur stattfinden konnten,weil die Primaballerina sich mit Tabletten,Alkohol oder sonstigen Drogen diehöllischen Schmerzen im Knie kurzzeitigvom Leibe geschafft hat.
Aber das richtige Leben läuft nach anderen Regeln ab alseine ZDF-Weihnachtsserie. Ernüchterungallenthalben, als ich in der Woche vor derPremiere von „Schwanensee – aufgetaucht“zwei Tänzer der Ballettcompagnie amSaarländischen Staatstheater nach ihrem Verhältnis zum eigenen Körper befrage.Gerade die Jahre der Kindheit müssen – sodenkt man – doch von Entbehrungen,von emotionalen Verheerungen geprägtgewesen sein. Doch nichts dergleichen.Spaßig sei es gewesen in der Ballettschule,gelitten habe man keineswegs und dennötigen Fleiß habe man auch öfter vermissenlassen, ohne dass dies das Vorankommensonderlich beeinträchtigt habe. Undauf die erstaunte Nachfrage, ob das vonKonventionen nicht noch verbogene kindlicheGemüt, der nach bloßer Bewegungdrängende Körper sich denn nicht an derStrenge des klassischen Balletts geriebenhabe, wird mit sanftem Lächeln ein entschlossenes„Nein“ entgegnet. Im Gegenteil:Die Ordnung, das Strukturierte, das Streben nach äußerster Disziplin habe etwasextrem Anziehendes gehabt. Und mitdem gleichen Lächeln wird die Quelle fürdie kindliche Motivation präsentiert: denunbedingten Wunsch, auf der Bühne stehenzu können. Beflügelt von einem Anflugvon Perfidie stelle ich die Gegenfrage,ob denn ein Stadion oder eine Sporthallenicht auch eine Bühne sei, und warumman denn nicht den Sport als Mittel zumZweck gewählt habe.
Und hier verzweigtsich dann doch die bisher so einmütigeMeinung: Er sagt, dass es ihm dann dochin erster Linie um das Erreichen und Überschreitenkörperlicher Grenzen gegangensei – eine Erfahrung, die er genauso gut im(Leistungs-) Sport hätte machen können,wenn nicht eine besondere biografischeKonstellation ihn dazu getrieben hätte, denbis dahin parallel ausgeübten Sport an denNagel zu hängen und sich aufs Tanzen zukonzentrieren. Sie hingegen betont, dass esihr von Anfang darum gegangen sei, sichauszudrücken, mit ihrem Körper eine Geschichteerzählen zu können, was im Sportallenfalls beim Eiskunstlauf oder in derRhythmischen Sportgymnastik möglichgewesen sei, und da habe sie dann doch liebergleich den Tanz gewählt anstelle einerSportart, die mit dieser Kunstform gar sooffensichtlich liebäugele. Seitenblicke gibtes freilich auch in die andere Richtung, daserfahre ich aus der Bemerkung, dass unterden männlichen Zöglingen der Ballettakademienoft ein förmlicher Wettbewerbausbreche, wer die höchsten Sprünge vollführenoder die meisten Pirouetten drehenkönne, der Ballettsaal also durchaus alsSchauplatz maskuliner Kraftmeierei anzusehensei. Die Erkundung körperlicher Grenzen unddie Erfahrung ihrer Überschreitung – dasist es also, was dem Tänzer offenbar diegrößte Genugtuung zu verschaffen vermag.
Der Rausch (oder prosaischer: Endorphinausstoß),welcher sich mit dieserErfahrung verbindet, ist – so erfahre ich– dem Drogenrausch gar nicht so unähnlich.Er führt nämlich in die Abhängigkeit.Er will immer wieder herbeigeführtsein, aber da er sich in der bloßen Wiederholungerschöpft, erhält er seine Wirksamkeitnur aufrecht, wenn er an ein regelmäßigwechselndes choreografierendesGegenüber gebunden ist. Und das sei mitein Grund, warum Tänzer so oft die Compagniewechselten – immer auf der Suchenach dem Kick, der die ersehnte Befriedigungverschafft.Doch auf den Rausch folgt die Verkaterung.Wie sieht es also aus mit den Schmerzen imLeben eines Tänzers? Wie teuer ist der vomPublikum so sehr bewunderte Eindruckvon muskelgestützter Mühelosigkeit, vonverminderter Erdanziehungskraft erkauft?
Ja, es gibt sie, die Schmerzen, das wollenauch meine Gesprächspartner nicht leugnen.Und der Umgang mit ihnen will gelerntsein. Auf der Ballettschule lerne maneher, den Körper zu disziplinieren als aufihn zu hören, erfahre ich. Erst im Laufe derJahre entwickele man mehr Verantwortunggegenüber sich selbst. Man arbeite wenigergegen den Körper, wiewohl man nie völliggegen den Mechanismus ankomme, immerweiter zu machen wollen, selbst wenn manernsthaft verletzt sei.Aber wie lebt man mit diesem Schmerz?
Welche Strategien kann man gegen ihnentwickeln und wer hilft einem dabei?Nun, von den Lehrern auf den Ausbildungsstättensei in dieser Hinsicht wenigzu erwarten, ebenso wenig von Ärzten.Es sei an sich schon schwer, Vertrauen zueinem Arzt gewinnen, und infolge derständigen Wohnortwechsel, die der globalisierteTänzerberuf eben mit sich bringt,habe man es irgendwann auch satt, immerwieder die eigene Verletzungs- undSchmerzgeschichte von neuem zu erzählen,ohne die Gewissheit zu erlangen, dass dasGegenüber auch wirklich die richtigenSchlüsse daraus ziehe. Fazit: Jeder sei sichselbst der Nächste, man wisse selbst amBesten, was für einen gut sei. Und demSchmerz könne man eben nur mit Gleichmutbegegnen. Er sei immer da, er begleiteeinen immer, aber er verändere sich beständigin seiner Qualität. Verschwinde er aneiner Stelle des Körpers, stelle er sich aneiner anderen dafür wieder ein. Aber erwerde im Laufe der Jahre immer vorhersehbarer,was es einem ermögliche, immerbessere Strategien der Bewältigungzu entwickeln, bestimmte Situationen derBelastung zu vermeiden oder zu minimieren.Und wie sieht es mit Medikamentenaus? Nun ja, ganz um die Einnahme vonSchmerzmitteln werde wohl kaum einerherum kommen, aber jeder Tänzer werdewohl zustimmen, dass es umso besser sei,je weniger man davon einnehme, da dieunverfälschte Wahrnehmung des Körpersnoch immer die zuverlässigste sei.
Es kommt also viel auf die persönlicheEntwicklung des Tänzers an, die es ihmoder ihr ermöglicht, den eigenen Körperin seinen Möglichkeiten und Unzulänglichkeitenkennen zu lernen und besserauf ihn Acht zu geben. Dass dieser Prozessder Reifung mit einem Verlust an körperlicherFitness einher geht, scheint dasgrößte Problem, das eigentliche Dilemmades Tänzerberufs zu sein. Insbesondere fürdie männlichen Vertreter der Zunft sei esschwer, den langsamen, aber stetigen Verlustvon körperlicher Leistungsfähigkeitzu verkraften, und nicht immer werde diesdurch die Erfahrung einer deutlich verbessertenKörperwahrnehmung und Schmerzbewältigungsstrategiewirksam aufgewogen.Doch zumindest bei meinen beidenGesprächpartnern überwiegt das Gefühldes Zugewinns. Man darf für sie wünschen,dass es auch weiter so bleiben wird. Undder kleine Rausch beim nächsten Auftritt– er sei ihnen von Herzen gegönnt........
Christoph Geiser




