Schwerpunkt Ausgabe 12
Tissy Bruns: Aufmerksamkeitsreize

- Tissy Bruns und Johannes Rau © dpa
Nicht Gold und Edelsteine, “der Königin ihr Kind” verlangt das Rumpelstilzchen als Belohnung. Und Menschen, Menschen aus Fleisch und Blut müssen alle präsentieren, die in der modernen Medienwelt den Kampf um die entscheidende Größe führen, um Attention, um Aufmerksamkeit. Man muss ja erst einmal durchdringen, im großen, ununterbrochenen Rauschen der elektronischen Massenmedien. Sie beschleunigt sich unentwegt, ihre technologische Entwicklung macht das eben noch dominierende Fernsehen gerade zum Verlierer gegenüber den neuen Online-Medien. Ihre Allgegenwart und Grenzenlosigkeit zwingt zur ständigen Steigerung der Aufmerksamkeitsreize - auch die Politiker und den politischen Journalismus. Personalisierung ist zu einem Grundbegriff für alle geworden, die eine Marke, ein Fernsehformat oder eine politische Botschaft im öffentlichen Bewusstsein platzieren wollen. Und zugleich ist Personalisierung in der kritischen Debatte über Politik, Politiker und Politikverdruss zur Chiffre für die Tendenzen der Verflachung, Übertreibung und Effekthascherei, den Ersatz von Politik durch mediale Inszenierungen geworden. Natürlich ist personalisierte Politik keine Erfindung des elektronischen und digitalisierten Zeitalters. Die politische Top-Personalie des zurückliegenden Jahres hieß: Helmut Schmidt. Seine aktive Zeit fällt in eine andere Ära der politischen Kommunikation. Das war die Zeit der „Fernsehnation“, in der alle Bürger mangels Alternativen das gleiche Programm gesehen und diskutiert haben: das Länderspiel, den „Durbrigde“ oder das politische Magazin. Obwohl der 90.Geburtstag des Altkanzlers und Weltökonomen - dramaturgisch optimal im Jahr einer globalen Finanzkrise - 2008 den Gesetzen des medialen „Hypes“ folgte, der auch „die schöne Landrätin“ Gabriele Pauli kurzfristig berühmt gemacht hat, wird niemand behaupten wollen, dass die Debatte über Schmidt eine leere Inszenierung war. Sie war, ganz im Gegenteil, wohl deshalb so wirksam, weil in Helmut Schmidt ein Politiker gewürdigt werden konnte, der die Weberschen Grundtugenden von Augenmaß, Verantwortung, Leidenschaft mit seinem Lebenswerk zu einer politischen Erzählung verdichtet hat, wie wir sie bei seinen Nachfolgern vermissen.
Der Altkanzler wurde für die Deutschen in diesem Jahr, was seine Vorgänger Konrad Adenauer und Willy Brandt längst schon sind: Charismatische Gestalten, die für etwas stehen und deshalb die Volksphantasie bis heute beschäftigen. Wie Brandt und Adenauer zählt Schmidt allerdings zu den politischen Gestalten, denen die Weltgeschichte ihre persönliche Geschichte eingemeißelt hat. Asyl, Krieg, Hunger, Verfolgung, Wiederaufbau, das steht nicht mehr am Anfang von politischen Werdegängen, ist nicht mehr der Stoff, an dem sich Motive und Ehrgeiz herausbilden. Und vor allem die feste Überzeugung, dass politischer Einsatz in der und für die Demokratie sich lohnt, weil sie die beste aller denkbaren Ordnungen ist. Die interessanteste politische Biographie unter den aktuellen Spitzenpolitikern bringt eigentlich Angela Merkel mit, deren politische Identität sich am Leben in der Diktatur und der Befreiung durch den Mauerfall gebildet hat. Doch die Bundeskanzlerin kann oder will daraus keinen Funken schlagen. Helmut Kohl immerhin hat sich mit seiner Leistung für die deutsche Einheit den „Mantel der Geschichte“ verdient. Gerhard Schröder verkörperte am Ende doch eine prototypische Geschichte, die des Aufsteigers Bundesrepublik, die aus ihrem Elend etwas gemacht hat und sich nun ändern muss. Und in Joschka Fischer sehen die Deutschen – mit gemischten Gefühlen – den verlorenen Sohn von 1968, der geläutert zurückkehrt ist in die demokratische Familie. Aber sonst? Wir sehen auf den medialen Bühnen Politiker, die in einer Weise personalisiert werden (oder sich selbst darstellen), die vor allem das mediale Bedürfnis nach Authentizität und Streitdramaturgie erfüllen. Das Bild, das dabei entsteht, spiegelt nur selten die Widersprüche, Konflikte und Kontroversen, in denen diese Politiker sich bewähren müssen. Denn das Politische muss sich einer fremden, der Medienlogik anpassen, in der das Bild vor dem Wort rangiert, Emotionen vor Vernunft, die Momentaufnahme vor dem sozialen Prozess, Personen vor Sachthemen. Wie weit das auf das Konto der politischen Akteure oder auf das der Medien geht, ist dabei zweitrangig. In der Wahrnehmung und im Urteil der Betrachter zählt das Ergebnis: Politik wird präsentiert in den Mustern, mit denen für ein Auto, Deutschlands neuen Superstar oder Finanzprodukte geworben wird. Das Dilemma ist unvermeidlich: Politik ist auf Aufmerksamkeit angewiesen, muss sie aber über Mechanismen durchsetzen, die ihre Anliegen latent dementiert. Dass für Waschmittel auch mit Mogelpackungen geworben wird, nimmt der aufgeklärte Verbraucher hin. Wenn aber ein Politiker mehr Schein als Sein verbreitet, gerät er bei den Bürgern unter Verdacht, dass hier jemand nur für sich selbst, nicht für das Geme inwohl kämpft. Denn der Manipulierbarkeit des Wähl e rvolks durch planmäßige Inszenierungen sind engere Grenzen gesetzt, als die Zauberkünstler der professionellen Kommunikation annehmen. Der normale alte Argwohn der Bürger gegenüber den M ä c h t i g e n („Politik ist ein s chmut z ige s G e s c h ä f t “ ) kombiniert sich mit Abstumpfungs- und Ermüdungsprozessen, die im Gefolge der Medienlogik unvermeidlich sind, zu einer Abwendung vom Politischen überhaupt. Die Politik kann das Tempo und die Reizsteigerungszwänge der Medien weder bedienen, noch mögen die Bürger ihnen folgen, wenn es um anderen Stoff als Zerstreuung und Unterhaltung geht. Personalisierung von Politik ist deshalb immer ein Unterfangen mit Risiken und Nebenwirkungen, für den einzelnen Politiker und für das Politische überhaupt. Verändert diese Medienlogik die Politik? Auf jeden Fall die Politiker – und damit eben auch die Politik. Um den Platz für das Politische muss heute in allen Medien gekämpft werden, sogar in den öffentlichrechtlichen, die eigentlich von ökonomischen und damit von Quotenzwängen weitgehend frei sind. Insofern sitzen Politiker und politische Journalisten in einem Boot: als Verlierer der beschleunigten Mediengesellschaft. Potentiell aber bieten die Medien beiden aber auch Ersatz für ihre Verluste. Über den Gestaltungsverlust, den die Politik in der globalisierten, den Bedeutungsverlust, den der politische Journalismus in der digitalisierten Medienwelt erlitten hat, können sich beide mit Hilfe der Medien auch hinwegtäuschen. Das Surrogat heißt: Bekanntheit, Präsenz, Ruhm. Denn die zahllosen Plattformen, Online- Dienste, Nachrichtensendungen, Fernsehkanäle müssen ja auch gefüttert werden. Ihrer Vervielfältigung verdanken wir die neue Erscheinung des „Promis“, dessen Prominenz weder auf besonderer Leistung oder Herkunft beruht, sondern einfach auf Medienpräsenz, ob sie nun – siehe Paris Hilton – dauerhaft oder flüchtig – siehe Daniel Küblböck – ist.
Auch das politische Personal hat hier seine Funktion für die Medien. Der Hunger der schnellen Kommunikation nach News und Schlagzeilen ist groß; die Politik, deren Geschäft das langsame Bohren dicker Bretter bleibt, kann ihm mit ihrem Sachstoff nicht stillen. Grenzenlos verfügbar und, vor allem, täglich neu aufladbar, sind hingegen Streit, Konflikt und Machtkämpfe, ohne die es demokratische Politik nie geben wird. Wer gegen wen? Dieses Streitmuster ist medientauglich und rangiert weit vor den Sachthemen. Das verzerrt die öffentliche Wahrnehmung: Politik als Dauergezänk. Der Hinterbänkler im Bundestag, der sich zu Herbert Wehners Zeiten allenfalls bei der Regionalzeitung seines Wahlkreises über den Zuchtmeister beschweren konnte, kann heute in zehn Fernsehkameras sprechen. Der „Abweichler“ oder „Dissident“ von der Linie der eigenen Fraktion oder Partei ist eine medial ertragreiche Figur, unabhängig von seinem realen Einfluss. Medial beachtet wird der Einwand, das Contra: Wer als junger Politiker schnell bekannt werden will, opponiert besser gegen den Fraktionschef als sich am Zustandekommen an einem tragfähigen Kompromiss zu beteiligen. Horst Seehofer hat seinen Weg über die Dauerrolle als „einsamer Kämpfer“, als ein Robin Hood der christlichen Volksparteien gemacht. Es wird sich zeigen, wie weit er damit als bayerischer Landesvater kommen wird. Er ist, wie Gregor Gysi oder der Ex-Grüne Oswald Metzger, eines der Paradebeispiele dafür, welchen Ambivalenzen sich eine Politikerkarriere ausliefert, die sich stark auf Medienprominenz stützt. Denn das Publikum bewundert zwar den aufrechten Kämpfer, der Klarheit und Wahrheit mehr liebt als Kompromisse und Konsens. Das Parteiund Wahlvolk weiß am Ende aber auch, dass gute Politiker Langstreckerläufen sein müssen – verlässliche Menschen mit Augenmaß. Wie kein anderer in der Generation der über 60jährigen steht Oskar Lafontaine für einen double-bind von Anziehung und Abstoßung, der Politikern den besonderen medialen Reiz verleiht. Seine Laufbahn tickt gewissermaßen im Takt der Medien. Für deren Bewunderung für alles, was glänzt, und ihrer strukturellen Treulosigkeit gegenüber allem, was langweilig, weil schon bekannt ist, liefert Lafontaine das kompatible Politikerleben. Man kann sagen: Lafontaine ist so janusköpfig wie die Medien selbst. Mit einem Aufstieg, der ein kulturelles Gegenbild zu seiner damaligen Parteiobrigkeit (Helmut Schmidts Sekundärtugenden) war und politisch innovativ gegenüber den Besitzstandswahrern in den Gewerkschaften und der SPD. Als zweimaliger Verweigerer des angebotenen Parteivorsitzes, beim zweiten Mal aber eben auch nach einem Attentat, das nach verlorener Kanzlerkandidatur Hedonismus unter Palmen und Rückzug zur „Vita contemplativa“ rechtfertigte. 1995, beim Mannheimer Parteitag, als machiavellistischer Machtkämpfer von hohen Graden. 1999 wird er zum Verantwortungsflüchtling, wie ihn die Republik noch nicht gesehen hatte, 2005 zum vormaligen SPD-Vorsitzenden, der es auf die Spaltung der SPD anlegt mit der hochfahrenden Ambition, die älteste deutsche Partei auf einer neuen politische Grundlage mit seiner Neuschöpfung zu vereinen. Da ist nie Stillstand, allenfalls Unterbrechung – eine perfekte Reizfigur. Aber immer hat sich auch als flüchtig erwiesen, was er gerade war – und niemand kann aus seiner Karriere ableiten, dass Lafontaine diesem Muster nicht wieder folgt. Damit ist der 65jährige Lafontaine das Gegenbild von Helmut Schmidt geblieben, das er schon vor 30 Jahren war – seine einzige Kontinuität.
Tissy Bruns




