Leseprobe Nachbarn Ausgabe 12
Eva Dewes: Kunst und Parkettt. Die Art Collection Deutsche Börse

- Chantal Michel, Die Wirklichkeit stellt eineUnwahrscheinlichkeit dar, die eingetreten ist, 1999
„Sehen verändert unser Wissen. Wissen verändert unser Sehen“. Dieses Zitat des berühmten Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget könnte als Grundstein und programmatischer Leitfaden für viele Kunstsammlungen großer Wirtschaftsunternehmen stehen. Dass diese Sammlungen einen wirtschaftlichen Vorteilsfaktor, Wertanlage und Prestige-Objekt darstellen, versteht sich von selbst, doch besteht gleichermaßen auch die Intention, die Werte und Ziele des Unternehmens in der Kunstsammlung verkörpert zu sehen. Von dieser Philosophie getragen, ist die Art Collection Deutsche Börse im Jahr 2000 ins Leben gerufen worden, die heute rund 700 Werke umfasst und auf die beiden Unternehmensstandorte Neue Börse Frankfurt und Clearstream Luxembourg aufgeteilt ist. Transparenz, Flexibilität, Kreativität – das sind die erklärten Maximen des Unternehmens, und so überrascht es nicht, dass man sich für den Aufbau einer Fotografiesammlung entschied. Ist die Fotografie doch ein Medium, das erst seit jüngerer Zeit Eingang und Anerkennung in der Kunst gefunden hat und das den Zielsetzungen der Unternehmensphilosophie in besonderer Weise gerecht zu werden scheint. Der Dialog zwischen Mitarbeiter und Kunstwerk wird durch Info-Terminals gefördert, an denen per Touchscreen Informationen zu den präsentierten Fotos abgerufen werden können. Auch hauseigene Führungen und einen Fotowettbewerb für Mitarbeiter hat man zur stärkeren Auseinandersetzung mit der Fotografie ins Leben gerufen. Die mit dem Aufbau der Sammlung betraute Kuratorin Anne-Marie Beckmann und der als Berater verpflichtete ehemalige Direktor des Museums moderner Kunst in Frankfurt, Jean-Christophe Ammann, setzten zunächst den Schwerpunkt auf Fotografien des Künstlerpaares Bernd und Hilla Becher sowie Werke der Becher-Schüler von der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf Andreas Gursky, Axel Hütte, Candida Höfer, Thomas Ruff, Jörg Sasse und Thomas Struth. Neben den „Klassikern“ der Fotokunst haben aber auch Werke junger Fotokünstler Eingang in die Sammlung gefunden. Dabei hat sich das Duo Ammann/Beckmann nicht gescheut, sich für eigene „Entdeckungen“ stark zu machen und Fotos von Künstlern anzukaufen, die noch nicht in den grossen internationalen Sammlungen vertreten sind, die beiden Kunsthistoriker jedoch durch die hohe Qualität ihrer Arbeiten überzeugten. Während das Ehepaar Becher und die Becher-Schüler eine sehr analytische Herangehensweise auszeichnet, sie Konstruktions- und Strukturprinzipien mit der Fotolinse erkunden, nähert sich die junge Generation dem Medium Fotografie auf andere Art und schafft dank neuer Bildbearbeitungs- und Aufnahmetechniken mitunter surreal anmutende Kunstprodukte.
Eva Dewes






