Leseprobe Kultur Ausgabe 12
Hans Bünte: Ist der "Mozart-Effekt" nur eine Legende?

- © Iris Maurer
Nietzsches Postulat „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum“ (aus „Sprüche und Pfeile“ der Götzen-Dämmerung), ist ein Lieblingszitat der Musikpädagogik. Wobei man den spöttischen Nachsatz lieber weglässt: „Der Deutsche denkt sich selbst Gott liedersingend.“ Andere gehen bis in die Antike zurück. Soll doch schon Pythagoras Musik zur Vorbeugung und Heilung psychischer und körperlicher Krankheiten eingesetzt haben. Und steht nicht in Platons „Staat“: „Rhythmen und Töne dringen am tiefsten in die Seele und erschüttern sie am gewaltigsten. Sie machen bei richtiger Erziehung den Menschen gut, andernfalls schlecht“? Wozu der Komponist Hans Werner Henze die robuste Variante lieferte: „Wer musiziert, nimmt keine Knarre in die Hand!“ Das klingt gut. Überprüfen darf man es trotzdem. Wer je hinter den Kulissen von „Jugend musiziert“ erlebt hat, wie leidenschaftlich, ja feindselig dort Eltern und Jugendliche gegen Konkurrenten kämpfen und die Jury wegen angeblicher Fehlentscheidungen attackieren, wer die Cliquenbildung in Jugendorchestern kennt und beobachtet hat, wie aggressiv darum gekämpft wird, ob man am dritten oder am vierten Pult sitzt, der beginnt zu zweifeln. Hier fördert das gemeinsame Musizieren offenbar nicht Toleranz und Teamfähigkeit, sondern Egozentrik und Durchsetzungskraft. Auch das ist natürlich eine Form der Persönlichkeitsbildung, nur nicht die gewünschte. Längst gibt es empirische Studien. „Ein Instrument zu spielen ist eine der komplexesten menschlichen Tätigkeiten“, so der Frankfurter Musikpädagoge Hans Günther Bastian (Musikerziehung und ihre Wirkung. Eine Langzeitstudie an Berliner Grundschulen). „Schon bei einfachsten Stücken werden Fähigkeiten des Intellekts (Begreifen), der Grob- und Feinmotorik (Greifen), der Emotion (Ergreifen) und der Sinne beansprucht.
Hans Bünte






