Leseprobe Erinnerung Ausgabe 12
Ralph Schock: "Als wenn man vor einem Adenauer Angst haben müßte!"

- Gustav Regler © Stroemfeld Verlag
Bald nach seinem Tod im Januar 1963 in New Delhi geriet der 1898 im saarländischen Merzig geborene Schriftsteller Gustav Regler in Vergessenheit. Das verwundert nicht, denn nach dem 2. Weltkrieg war es Regler nicht mehr gelungen, an seine 1933 unterbrochene literarische Karriere anzuknüpfen. Auch hatte er – als mexikanischer Staatsbürger – nie mehr einen festen Wohnsitz in Deutschland. Lediglich sein autobiographischer Roman „Das Ohr des Malchus“ war buchhändlerisch ein Erfolg. Regler teilte damit das Schicksal der meisten Autoren und Publizisten, die 1933 Deutschland hatten verlassen müssen. Die Gründe für die nicht erfolgte Rückkehr der Emigranten sind vielfältig. Einige der vertriebenen Autoren – wie Regler – hatten inzwischen eine neue Heimat gefunden; andere – wie Thomas Mann - wollten nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Vor allem aber hatte man sie, von wenigen Ausnahmen abgesehen – und diese betrafen eher die DDR als die BRD – , auch nicht eingeladen, zurückzu kommen. Die Themen Emigration und Exilliteratur erlebten erst als eine Nebenwirkung von 1968 neue Aufmerksamkeit. Damals begannen wir, eine ganze Generation von Verweigerern zu entdecken; Menschen, die in diesen Jahren anständig geblieben waren. Weil viele von ihnen vor 1933 gar nicht so exponiert gewesen waren, wäre ihnen – wenn sie sich geduckt und angepasst hätten – nichts Besonderes geschehen. Aber sie verließen Deutschland, und viele der unbekannten oder gerade bekannt werdenden Autoren bekamen im Exil keinen Boden mehr unter die Füße. Einige der eben erwähnten Autoren wurden wegen ihrer antitotalitären Positionen zu Orientierungsfiguren der undogmatischen Linken in der BRD; ich nenne den in Guntersblum geborenen Schriftsteller und Silberschmied Georg K. Glaser. Auch Manès Sperber. Arthur Koestler. Franz Jung. Autoren, die – wie Regler – bis zur besseren Einsicht gehofft hatten, mit dem von KPD und Sowjetunion propagierten Weg ließe sich eine menschlichere Welt verwirklichen. In der DDR verleumdete man diese Abtrünnigen als Renegaten und in den Literaturgeschichten Ostdeutschlands kamen sie nicht vor; und wenn, dann nur als Objekte der Schmähung. Nur wenige ostdeutsche Gelehrte stimmten in die geforderte Verdammung nicht ein. Einer dieser wenigen war der Historiker und Wirtschaftswissenschaftler Jürgen Kuczynski. 1974 habe ich Gustav Reglers Autobiographie „Das Ohr des Malchus“ als junger Student zum ersten Mal gelesen, eher atemlos verschlungen. Der Autor hat mich dann viele Jahre nicht mehr losgelassen. Professor Gerhardt-Schmidt-Henkel gründete 1978 an der Saarbrücker Universität die „Arbeitsstelle für Gustav-Regler-Forschung“, ich war damals der erste Mitarbeiter. Meine Auseinandersetzung mit Regler fand ihren Niederschlag in der 1984 erschienenen Dissertation „Gustav Regler – Literatur und Politik 1933 - 1940“. Regler war für mich damals – auf der Suche nach einem eigenen politischen Standpunkt - eine faszinierende Persönlichkeit. Münchner Räterepublik, Novemberrevolution, erste Saarabstimmung, Spanischer Bürgerkrieg, Zweiter Weltkrieg, - an entscheidenden Einschnitten deutscher und europäischer Geschichte war Regler involviert gewesen. Möglicherweise nicht so eng und auch nicht an so herausragender Stelle, wie er es in seiner Autobiographie oft behauptet. Aber solche Zuspitzungen, solche Dramatisierungen sind bei einem Schriftsteller ein legitimes Darstellungsmittel.
Ralph Schock




